Am Bastide Blanche

Man sollte diesen Namen nicht übersetzen. Als «Blaue Küste» verdeutscht wird ihm der Glanz genommen, denn es ist nicht die Farbe allein, um die es geht, obwohl das Mittelmeer als das «blaueste» europäische Meer erscheint. Henri Matisse, der zur Erholung nach Nizza kam und sich am ersten Morgen nach seiner Ankunft kaum zu fassen wußte vor Glück über das Januarlicht, das in sein Zimmer drang, Matisse, der sich an der Cöte ansiedelte und ihre Farben nachzuschaffen verstand wie kein anderer, der stellte gleichwohl fest: «Das ist ein Land, wo das Licht die wichtigste Rolle spielt, erst danach kommen die Farben.

Im Namen der Cote d'Azur schwingt dieses Licht als Glanz mit. Azur nannte man im Mittelalter den kostbaren blauen Lapislazuli, Azur, das läßt an die Unendlichkeit eines durch nichts getrübten blauen Himmels denken, einen Ort real gewordener Sehnsüchte nach dem Unbekannten. «Oh Himmel, strahlender Azur/enormer Wind die Segel bläht», reimte der junge Brecht, längst bevor er als Flüchtling an die südfranzösische Mittelmeerküste verschlagen wurde. Liegeard fand für einen Eindruck, ein Gefühl, eine Sehnsucht einen Begriff und brachte Phantasie zum Schwingen. Eindrücke, Gefühle und Phantasien kennen keine scharf umrisse-nen Grenzen, deshalb ist der Begriff Cote d'Azur auch geographisch keineswegs scharf umrissen. Liegeard faßte unter dem Begriff die gesamte Mittelmeerküste zwischen Genua und Marseiile zusammen. Italien war kaum Staat geworden, die Grafschaft Nizza gehörte erst 18 Jahre zu Paris statt zum Haus Savoyen, das in Turin residierte. Da bedeutete die Grenze zwischen Frankreich und Italien noch nicht viel. Für uns heute aber hört die Cote d'Azur bei Menton auf, und die italienische Riviera, die Riviera dei Fiori beginnt. Sie hat freilich landschaftlich und kulturell mit ihrem französischen Gegenstück manches gemeinsam. Das ehemalige Fischerdorf Menton begrenzt die Cote im Osten, das Meer bildet die südliche Grenze, die Alpen sind die nördliche; die westliche und nordwestliche hingegen ist durchaus nicht eindeutig und dies um so weniger, als auch die benachbarte Provence durchaus keine territorial fest umrissene Größe bezeichnet. Der Petit Robert, das kantonische französische Wörterbuch, dekretiert knapp: «Cote d'Azur - zwischen Toulon und Menton». Eine nicht minder angesehene französische Institution, das Gremium der Kartographen von Michelin, läßt die Cote schon hinter Cannes enden.